Erinnerungen

Es ist früher Morgen, der Tag verspricht wieder sonnig zu werden. Die Knospen treiben bereits an manchen Bäumen und der Schnee taut. Im Wintergras lugen an manchen Stellen kleine weiße Blüten hervor und in den Wäldern hört man die Vögel schlagen.

Freya sitzt an ihrem Tisch mit den Schatullen, Phiolen und Tiegeln und sortiert vorsichtig einige kleine Säckchen getrockneter Kräuter um. Hin und wieder schnuppert sie an einem davon, wenn sie sich nicht mehr ganz sicher ist, was alles in der Mischung zusammengemengt ist. Obwohl es für diese Tätigkeit Wissen und feines Gefühl braucht, ist diese Arbeit für sie entspannend, beinahe ein Luxus, den sie sich nur mehr selten leistet, seit sie zurück in Winterfell ist. Nun aber lässt sie während der sorgfältigen Arbeit die Gedanken schweifen und lässt sich von den vertrauten Handgriffen entspannen.

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Zu selten ist die Zeit, in der Freya sich ihren Phiolen widmen kann

Hoffentlich hat sie am vorigen Abend nicht zu viel Unsinn gesprochen. Sie schilt sich selbst, dass sie in ihrer guten Laune nicht darauf geachtet hat, wie viel Ale sie mit Dannya und Robin getrunken hat. Sie will keinen geheim Zögernden einen Anlass geben an ihrer Fähigkeit, den Norden zu regieren, zu zweifeln; und betrunken am Abend durch die Gänge zu wandern gehört bestimmt nicht zu den Eigenschaften, die man ihr besonders gut anrechnen würde. Verflucht. Es ziemt sich nicht, sich als Herrin von Winterfell gehen zu lassen und das macht ihr derzeit mehr zu schaffen, als sie nach außen und auch vor sich selbst zugeben will. Freya ist sich ziemlich sicher, dass sie weder schwankend die Treppen nach oben gestiegen ist, noch dass sie sich an Robin Mormonts Arm festgeklammert hat, der ihr in seiner Rosengartschen ritterlichen Manier den Arm angeboten hat. Immerhin. Aber sie weiß, dass sie zu viel getrunken hat und dass sie dabei Vergnügen empfunden hat und dass es ihr für kurze Zeit egal war, ob der Norden auf ihre Entscheidungen wartet oder nicht. Mit grimmiger Miene schließt sie eine kleine Schachtel und öffnet die nächste. Ihre Gedanken wandern zu den nunmehr gänzlich unbeschwert wirkenden Zeiten auf der Bäreninsel zurück.

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Freya, Dannya und Robin trinken Ale

Sicher, ganz nüchtern betrachtet ist die Zeit dort alles andere als langweilig und eintönig oder gefahrlos verstrichen. Chayanaerys Targaryen, unter dem Namen Charis Vikary, hatte mit ihrer geheimen Anwesenheit die Insel in Gefahr gebracht; nur wenige hatten von ihrer wahren Identität gewusst. Sie selbst, Lord Mormont und Robin. Letzterer hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass er die Prinzessin am liebsten so weit weg wie möglich wünschte, was immer wieder zu kleineren Konflikten geführt hatte. Schon davor hatte sie selbst Bekanntschaft mit einer ganz und gar unangenehmen Gefangenschaft gemacht, die sich später als eine Entführung durch Eisenmänner im Auftrag ihres eigenen Oheims herausstellte. In diesem Zusammenhang gab es auch immer wieder üble Missstimmungen zwischen Haus Mormont und Alester Glover, einem tollkühn agierenden Adeligen, der ihr in seiner Art auch den Hof gemacht hatte. Bei einer draufgängerischen und von Jared Mormont ganz und gar unerwünschten Kriegshandlung mehr oder weniger im Alleingang gegen einige Schiffe der Eisenmänner war er schließlich gefangen genommen worden. Seine Befreiung, die Lord Mormont auf ihr Betreiben veranlasste, endete ganz und gar in einem Debakel. Der offenbar vom Wahnsinn ergriffene Alester hatte während seines Aufenthaltes im Wachturm Robin angegriffen und schwer verletzt, was seine Verbannung von der Bäreninsel zu Folge hatte und die Auspeitschung seiner Geliebten, die die Waffe zu ihm geschmuggelt hatte. Und während all dieser Ereignisse hatten die Eisenmänner immer wieder Überfälle auf die Bäreninsel verübt, die zum Ziel die Entführung Freyas hatten. Als das offenbar nicht von Erfolg gekrönt war, hatte ihr Oheim, der verräterische Usurpator Damien einen Raben auf die Bäreninsel geschickt, in welchem er Lord Mormont dazu aufforderte, Freya alleine nach Winterfell zu senden, damit sie den gefürchteten Vallryon Graufreud ehelichen sollte. An diesem Punkt war schließlich klar: Freya würde Anspruch auf Winterfell erheben.

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Bei der Nachtwache an der Mauer findet Freya Unterstützung auf ihrer Queste

Freyas Augen schweifen zu dem gewaltigen Bihänder Eis, dem valyrischen Familienschwert der Starks. In einer gefährlichen Reise an und hinter die Mauer hat sie es gemeinsam mit ihren Vertrauten zurückgeholt, nachdem es offenbar von marodierenden Wildlingsclans von der Leiche des vorigen Lords, ihres Vetters, genommen worden war. Sein Leichnam ist nach dem Brand von Winterfell nie gefunden worden und das Familienschwert war mit ihm verschollen. Bis Berichte auftauchten … Freya wendet ihre Augen wieder von dem valyrischen Stahl zu den Kräutern auf dem Tisch vor sich. Der Lord Kommandeur der Nachtwache hatte sie zum Götterhain hinter der Mauer gebracht, wo er ihr eine blaue Rose gepflückt und überreicht hatte. „Bringt diese Rose nach Winterfell und Ihr werdet Eure Bestimmung finden“, waren die prophetisch wirkenden Worte des sonst grimmigen und geradlinigen Veteranen. Freya lächelt. Sie hat es getan und sie besitzt die Rose immer noch. Sie hat Wurzeln geschlagen und Knospen getrieben. In dem eisigen Götterhain hatten sie eine wildäugige Wildlingsfrau gestellt und Freya hatte entgegen des Rates der begleitenden Jäger begonnen, sich mit ihr zu unterhalten. Am Ende war Freya nur in Begleitung von Dannya und Schatten, ihrer Wölfin, dem menschenfressenden Anführer der Clans gegenübergestanden. Damals ist ein Band zwischen ihr und der davor widerspenstigen und ungehobelten Dannya entstanden, das durch nichts gelöst werden würde, das weiß Freya.

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Die Schattenwölfin hält die grünäugige Wildlingsfrau in Schach

Und das war alles nur ein Teil ihrer Geschichte und der Gefahren auf der Bäreninsel. Trotzdem hat sie die Freiheit gehabt, tagelang durch die Wälder zu streifen und es ist auch kein politisch relevanter Akt gewesen, wenn sie mit jemandem auf dem Altan einen Becher Wein getrunken hat. Das ist jetzt anders, denkt sie bitter. Als Robin sie mit ungelenken Worten und einem nervösen Lächeln eingeladen hat, den Wolfstag ungestört bei Kerzenschein und einem gemeinsamen Abendmahl zu verbringen, hat sie vor dem Ausritt einen Kapuzenmantel und die Kleidung einer Magd angelegt, damit niemand auf dumme Gedanken kommt und Gerüchte in die Welt setzt. Sie schilt sich selbst eine dumme Göre, denn niemals hat sie an so etwas daheim auf der Bäreninsel gedacht, wo Frauen und Mädchen nicht bei jedem Lächeln gleich schief angeschaut werden und sich die Frage gefallen lassen müssen, ob sie wohl sittsam seien. Sie schnaubt kurz und lächelt dann. Die Erinnerung an die Freude auf Dannyas Gesicht, als sie ihr am gestrigen Abend mitgeteilt hat, dass sie sie gerne als Waffenmeisterin haben möchte, erfüllt sie mit stiller Zufriedenheit. Seit Generationen hat Haus Cassel als Waffenmeister unter Haus Stark in Winterfell gedient. Natürlich wird sie sich erst eine passende Aufgabe überlegen müssen, die Dannya erfüllen muss, bevor sie diese Position übertragen bekommt, wie es die Tradition seit Generationen so will. Sie wird sich etwas Schwieriges ausdenken, damit niemand sagen kann, sie würde eine ungehobelte Verräterin auf diesen Platz setzen, nur weil sie ihr zu Gesichte steht. Nein, es wird etwas sein, das Dannya über alle Zweifel erhaben dastehen lassen wird. Und wenn die Alten Götter es so wollen, so wird sie sie bei dem Frühlingsfest zur Waffenmeisterin ernennen.

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Zu der Flötenmusik eines Küchenjungen ein unbeholfener Tanz

Mit einem Seufzen legt Freya das letzte Kästchen zur Seite. Es ist ihre eigene Entscheidung gewesen, die Hand nach dem Sitz von Winterfell auszustrecken. Die Menschen um sie herum scheinen zufrieden, sie wird respektiert und verehrt. Und dennoch sehnt sie sich manchmal an das Gefühl der Freiheit auf der kargen Insel im kalten Westmeer zurück …

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2 Gedanken zu “Erinnerungen

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